Das Kompetenz- und Koordinationszentrum Polnisch (KoKoPol) lud am 4. und 5. Dezember 2025 zur Jahrestagung ins Internationale Begegnungszentrum St. Marienthal ein. Unter dem Motto „Polnisch im Aufbruch – Eine Perspektive für Europa“ setzte die Tagung die thematische Reihe der Vorjahre fort. Während 2023 das Bild Polens und der polnischen Sprache in deutschen Schulen sowie 2024 die Verankerung von polnischer Sprache und Geschichte im deutschen Bildungssystem im Mittelpunkt standen, rückte die diesjährige Veranstaltung die wachsende Sichtbarkeit der polnischen Sprache in Deutschland und ihre Wahrnehmung in Politik, Gesellschaft und Öffentlichkeit in den Fokus.
Die Tagung diente zugleich als Anlass, fünf Jahre KoKoPol Revue passieren zu lassen, Bilanz zu ziehen und aus den gesammelten Erfahrungen Perspektiven für die zukünftige Arbeit abzuleiten. Die inhaltliche Ausrichtung gliederte sich in vier zentrale Schwerpunkte: die wachsende Sichtbarkeit der Polonia in Deutschland, Grenzkompetenz als Schlüssel der Zusammenarbeit (exemplarisch am Beispiel Sachsens), die Perspektiven der jungen Generation sowie der Rückblick auf das fünfjährige Bestehen KoKoPols als Einrichtung zur Förderung von Sprache und Kultur.
Das Programm bot eine Mischung aus Fachvorträgen, Diskussionen und Praxisbeispielen, die Einblicke in aktuelle Entwicklungen und Herausforderungen gaben. Dabei wurden sowohl die neue Europastrategie Sachsens als auch die Sicht der jungen Polonia beleuchtet, letztere insbesondere in einer Podiumsdiskussion.
Die Jahrestagung von KoKoPol startete mit der Eröffnung und Begrüßung durch Gunnar Hille von KoKoPol und Gregor Schaaf-Schuchardt von der Stiftung IBZ St. Marienthal.
Daran schloss sich eine Reihe hochrangiger Grußworte an: Zunächst wurde eine Videobotschaft von Knut Abraham, dem Polenkoordinator der Bundesregierung, eingespielt. Es folgte ein Grußwort aus Polen, gehalten von Dr. Urszula Starakiewicz-Krawczyk vom Institut zur Entwicklung der polnischen Sprache (IRJP) in Warschau. Ein herausragender und wichtiger Beitrag kam von Dirk Diedrichs, Leiter der Europa-Abteilung der Sächsischen Staatskanzlei, der nach seinem Grußwort die Europastrategie Sachsens vorstellte.
Ein besonderer Höhepunkt der Eröffnung war die feierliche Unterzeichnung eines Kooperationsabkommens zwischen der Stiftung Internationales Begegnungszentrum St. Marienthal (IBZ) und der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung (SK). Die Leiter der beiden Stiftungen, Gregor Schaaf-Schuchardt und Dr. Robert Żurek, unterzeichneten die Vereinbarung vor zahlreichen politischen, wissenschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren. Beide Stiftungen sind seit Jahrzehnten als Brückenbauer zwischen Deutschland und Polen aktiv und bekennen sich aktiv zur Schlüsselfunktion enger, vertrauensvoller und freundschaftlicher deutsch-polnischer Beziehungen für die Zukunft beider Staaten. Angesichts immenser Herausforderungen wie dem Krieg in der Ukraine, wachsendem Populismus und der Krise der liberalen Demokratie planen sie, ihre Kräfte zu bündeln, um eine größere Wirksamkeit bei der Vermittlung demokratischer Werte in einem starken Europa zu erzielen. Konkret umfasst die geplante Zusammenarbeit den Ausbau sächsisch-niederschlesischer Jugendbegegnungen, gemeinsame Lehrerfortbildungen sowie die Stärkung der Nachbarsprache in der Grenzregion.
Der offizielle Rückblick auf fünf Jahre KoKoPol wurde von Dr. Magdalena Telus und Christin Stupka (KoKoPol) eingeleitet. Anschließend präsentierte ein Zusammenschnitt von Gratulationsvideos geförderter Institutionen – darunter Polonia-Vereine, Volkshochschulen und DPGs – die Erfolge der Zusammenarbeit.
Vertreter vier geförderter Institutionen stellten ihre Arbeit anschließend vor:
• Marion Seifert von der VHS Görlitz, die als erste den VHS-Pilotkurs Polnisch als Herkunftssprache deutschlandweit einrichtete.
• Wieslaw Lewicki vom „Konvent der polnischen Organisationen in Deutschland“, dem als Dachverband eine große Bedeutung bei der Vertretung der Polonia zukommt. Er zeichnete den langen Weg bis zur Förderung der polnischen Sprache durch den Bund seit 2023 nach.
• Diana Lankocz von „Piast“ in Essen, wo eine starke Polonia insbesondere auch Polnisch als Herkunftssprache unterstützt.
Stellvertretend für zahlreiche Polonia-Organisationen legte der Vorsitzende des Polnischen Schulverbandes „Oswiata“ in Berlin, Jakub Nowak, die tiefgreifende Veränderung dar, die durch die Bundesförderung über KoKoPol möglich wurde. Hatte die Organisation zuvor unter ständiger Unsicherheit gelitten, so ermöglichte die mehr als zweijährige finanzielle Unterstützung erstmals Stabilität, was sich in der qualitativen und quantitativen Entwicklung der Angebote zeigt:
Die Zahl der Lehrkräfte stieg von 25 auf 31. Sie erhalten nun eine angemessene Vergütung, können mehr Gruppen unterrichten, engagieren sich in Projekten und bleiben der Organisation erhalten. Die Schülerzahl wuchs von ca. 300 auf 473. Die Anzahl der Unterrichtsstandorte erhöhte sich von 12 auf 20 und erstreckt sich nun über Berlin, Potsdam, Ludwigsfelde, Nauen und Königs Wusterhausen.
Jakub Nowak betonte, dass KoKoPol nicht nur ein finanzieller Unterstützer, sondern ein Partner sei, der durch Beratung und Hilfe die polnische Bildung im Ausland real mitgestaltet. Diese Partnerschaft ermögliche nicht nur das Überleben, sondern echte Entwicklung.
Nach der Vorstellung der geförderten Institutionen rundete Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz von der Universität Wrocław den Block mit einem Vortrag über die Wahrnehmung der Polnischförderung aus Bundesmitteln in Polen ab. Hierbei demonstrierte Prof. Ruchniewicz eindrucksvoll die Möglichkeiten einer Unterstützung der Künstlichen Intelligenz bei der Sammlung von Daten und Hintergründen zu seinem Vortragsthema
Der Nachmittag des ersten Tages widmete sich im „Themenblock I: Die neue Sichtbarkeit von Polnisch in Deutschland“ zentralen Fragen zur Präsenz der polnischen Sprache und Community in der Bundesrepublik. Moderiert wurde der Block von Dr. Erik Malchow.
Die Vortragsreihe startete mit Dr. Andrzej Kaluza (Deutsches Polen-Institut Darmstadt), der einen Überblick über „Polnische Community und Polnisch in Deutschland: Stand und Perspektiven“ gab.
Anschließend sprach Dr. Andreas Hollstein, der Polonia-Beauftragte in Nordrhein-Westfalen (NRW), in einer virtuellen Zuschaltung über „Zwei Sprachen, doppelter Gewinn: Wie die Migration und Mehrsprachigkeit der Polonia NRW bereichern“.
Prof. Dr. Bernhard Brehmer (Uni Konstanz) präsentierte in seinem Vortrag zu „Neue Bedarfe und Perspektiven“ im herkunftssprachlichen Polnischunterricht die ersten Ergebnisse der Studie Polski.Kompass.
Der Vortragsblock wurde abgerundet durch Prof. Dr. Tanja Anstatt, Dr. Stefan Heck und Tanja Mlynczak (Ruhr-Universität Bochum), die die abschließenden Ergebnisse der Studie zu „Einstellungen zum Polnischunterricht in polnischsprachigen Familien in Nordrhein-Westfalen (FamPol)“ vorstellten.
Der Abend gehörte schließlich der jungen Generation. In der Podiumsdiskussion „Ankommen, um zu bleiben?“ unter der Moderation von Dr. habil. Robert Żurek (Stiftung Kreisau) sprachen Studierende, Vereinsaktive und Kulturvermittler über Identität, Engagement, Europabezug und ihren Platz in der deutschen Gesellschaft. Die Diskussion war offen, lebendig und persönlich. Sie zeigte eine Polonia, die längst angekommen ist, die aber zugleich gestalten und mitreden will. Auf dem Podium vertreten waren:
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Jonas Kolecki (Vorstand GFPS e.V.)
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Lisa Maria Ludz (Studentin, Hochschule Zittau/Görlitz)
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Konrad Malinowski (Student, Hochschule Hamm-Lippstadt)
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Natalia Mariankowska (PolenMobil)
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Dr. Anna Mróz (KoKoPol)
Den Abschluss des ersten erfolgreichen Konferenztages bildete der musikalische Ausklang mit polnischen Volkslieder und Klassikern, interpretiert von Artur Malinowski und Milosz Wieliński vom Sorbischen Nationalensemble sowie mit Konrad Malinowski am Klavier.

Der zweite Tag der Jahrestagung von KoKoPol vertiefte die Themen rund um die Grenzkompetenz und die Rolle der polnischen Sprache in der europäischen Integration und Bildung.
Der Vormittag begann mit dem Fokus auf die Grenzregion und Mehrsprachigkeit als Schlüssel zur Zusammenarbeit:
Prof. Dr. Anna Dąbrowska und Prof. Dr. Anna Żurek (Universität Wrocław) sprachen über „Mehrsprachigkeit als Schlüssel zur Grenzkompetenz für gelungene europäische Integration“.
Der Vortrag stellte die Hypothese auf, dass Grenzkompetenz als eine zentrale Fähigkeit betrachtet werden sollte, um komplexe Herausforderungen an der deutsch-polnischen Grenze zu bewältigen. Die Referentinnen betonten, dass Mehrsprachigkeit, insbesondere die Beherrschung des Polnischen, eine Schlüsselrolle bei der Überwindung von sprachlichen und kulturellen Barrieren im Grenzraum spielt. Sie plädierten für die Integration interkultureller und sprachlicher Bildung in grenzüberschreitenden Bildungsprojekten.
Prof. Dr. Aneta Lewińska (Universität Gdańsk) beleuchtete per Videozuschaltung den „Certyfikat Polski als Symbol der wachsenden Sichtbarkeit der polnischen Sprache in Deutschland“.
Die Popularität des Zertifikats zeige eine steigende Motivation unter Deutsch-Polen und Deutschen, ihre Polnischkenntnisse offiziell zu bestätigen. Das Zertifikat sei nicht nur ein Nachweis von Sprachkompetenz, sondern auch ein Instrument zur Stärkung der polnischen Identität und Kultur im Ausland.
Dr. Justyna Michniuk (Euroregion Spree-Neisse-Bober e.V.) teilte per Zoom Erfahrungen aus dem Projekt „Sprachbrücke“ und sprach über „Sprachen im Grenzraum“. Das Projekt „Sprachbrücke“ adressiert die Notwendigkeit der Förderung der Nachbarsprache in der Euroregion Spree-Neisse-Bober. Dabei wird die Motivation und der Bedarf der Grenzbewohner berücksichtigt, um die Effektivität des Spracherwerbs zu erhöhen.
Katarzyna Gryncewicz und Paulina Pawlik (Universität Schlesien) thematisierten den „polnisch-deutschen ökologischen Diskurs in der Sprachdidaktik“ im Kontext der Oder als Schnittstelle von Kulturen und Sprachen.
Nach der Pause lag der Schwerpunkt auf der Vermittlungskompetenz und der Veröffentlichung neuer Fachliteratur:
Dr. Anna Poznańska (Stiftung Kreisau) beleuchtete die „Rolle der Sprachanimation im deutsch-polnischen Jugendaustausch“.
Sprachanimation wird als niederschwelliger, spielerischer Zugang zum Spracherwerb und zur Kommunikation betrachtet, der Ängste reduziert. Sie ist besonders effektiv bei der Förderung der interkulturellen Kompetenz und des Verständnisses füreinander in binationalen Jugendgruppen.
Dr. Erik Malchow und PD Dr. Przemysław Chojnowski (KoKoPol, Universität Wien) stellten aktuelle Publikationen vor:
Den interkulturellen Ratgeber der IHK in Kooperation mit KoKoPol und den POLONUS wissenschaftliche Ausgabe Nr. 4 zum Thema „Sprachliche Verflechtungen“.
Die Tagung endete mit einer Abschlussdiskussion und Zusammenfassung der Ziele und Perspektiven der Arbeit von KoKoPol und seinen Partnern, moderiert von Gunnar Hille, Anna Mróz und Erik Malchow.

























































