Sprache als Infrastruktur guter Nachbarschaft – Bericht zur 3. KoKoPol-Poloniakonferenz und zur Masterclass des Polonia-Büros in Bonn, 13.–14. Juni 2026

Am 13. und 14. Juni 2026 fand im Gustav-Stresemann-Institut in Bonn ein deutsch-polnisches Wochenende statt, das zwei Formate verband: die Masterclass „Führung in schwierigen Zeiten – Lektionen aus 35 Jahren Zusammenarbeit“ der Geschäftsstelle der Polonia und die 3. KoKoPol-Poloniakonferenz unter dem Leitmotiv „Sprache im Wandel – Polnisch mehr als eine coole Herkunftssprache?“. Wenige Tage vor dem 35. Jahrestag des Deutsch-Polnischen Vertrags wurde gefragt, was gute Nachbarschaft heute bedeutet – bildungspolitisch, gesellschaftlich, institutionell und sprachpraktisch.

Im Mittelpunkt stand die Rolle des Polnischen in Deutschland im Jahr 2035: Herkunftssprache der Polonia, Fremdsprache für alle, Nachbarsprache, europäische Kompetenz – oder gerade die Verbindung dieser Dimensionen. Polnisch erschien in Bonn damit nicht nur als Anliegen der Polonia, sondern als Prüfstein europäischer Mehrsprachigkeit, demokratischer Teilhabe und guter Nachbarschaft.

Tag 1: Masterclass „Führung in schwierigen Zeiten“

Den Auftakt bildete am Samstag die Masterclass mit Jan Krzysztof Bielecki, ehemaliger Ministerpräsident der Republik Polen, und Hans-Gert Pöttering, ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments. Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Adrianna Tomczak und Patrycja Talar. Das Format war dialogisch angelegt: nicht als Vortrag, sondern als intergenerationeller Austausch über politische Verantwortung.

Die Masterclass führte vom historischen Moment des Jahres 1991 über den Weg Polens in die Europäische Union bis zu aktuellen Fragen politischer Führung in Zeiten geopolitischer Spannungen und gesellschaftlicher Fragmentierung. Dabei wurde deutlich: Die deutsch-polnischen Beziehungen entwickelten sich seit 1991 nicht linear, waren aber strukturbildend für die europäische Integration Ostmitteleuropas.

Als zentrales Ergebnis lässt sich festhalten: Gute Nachbarschaft entsteht nicht automatisch durch Verträge, sondern durch kontinuierliche Beziehungspflege. Politische Führung bedeutet, Räume für Vertrauen zu schaffen, auch dort, wo Konflikte, Asymmetrien und unterschiedliche historische Erfahrungen bestehen. Gespräch, Zuhören, Brückenbauen und Verantwortung wurden als zentrale Voraussetzungen genannt. Zukunftsfähige deutsch-polnische Beziehungen brauchen Menschen, die über institutionelle, sprachliche und nationale Grenzen hinweg vermitteln können.

Das Abendprogramm verband Musik, Literatur und Begegnung. Die Band Ptak & Sławek gestaltete den musikalischen Rahmen; Peter Reik, Diplomat und Dichter, las unter dem Titel „Poesie und Diplomatie. Polengedichte aus den 1980er und 1990er Jahren“. So wurde deutlich, dass deutsch-polnische Beziehungen auch in Kunst, Erinnerung und persönlichen Erfahrungen verhandelt werden.

Tag 2: Polonia-Konferenz „Sprache im Wandel – Polnisch mehr als eine coole Herkunftssprache?“

Der zweite Tag war der Frage gewidmet, ob Polnisch in Deutschland mehr sein kann als eine Herkunftssprache der Polonia – und was geschehen muss, damit Polnisch als Nachbar-, Fremd- und Europasprache breiter sichtbar wird. Eine interaktive Umfrage machte zu Beginn deutlich: Die Diskussion setzt bei regionalen Erfahrungen, lokalen Infrastrukturen und biographischen Sprachrealitäten an.

Dr. Anna Mróz eröffnete die fachliche Auseinandersetzung mit einer Keynote zu „Polnisch als Fremdsprache – Realität, Potenzial und europäische Dimension“. Sie verglich die rechtliche Stellung der polnischen Sprache als Schulfach in ausgewählten Bundesländern. Dabei wurde sichtbar, dass vorhandene Potenziale für die Etablierung von Polnisch als Fremdsprache bisher nur teilweise genutzt werden. Die Verschiebung von Polnisch als Herkunfts- zu Polnisch als Fremdsprache ist bildungspolitisch folgenreich: Polnisch wird dann nicht mehr allein als identitätsbewahrendes Angebot für eine bestimmte Gruppe verstanden, sondern als Ressource einer pluralistischen Gesellschaft.

Umfrage und Plenardiskussion zeigten zugleich, dass die Situation des Polnischen in Deutschland regional stark variiert. Das föderale Bildungssystem bringt unterschiedliche Zuständigkeiten, Strukturen, Sichtbarkeiten und Förderlogiken hervor. Wo Polnischunterricht besteht, hängt dies häufig von engagierten Eltern, lokalen Vereinen, einzelnen Lehrkräften, kommunalen Unterstützungsstrukturen oder projektbezogener Förderung ab. Die Polonia verfügt über beeindruckende zivilgesellschaftliche Energie, doch diese kann stabile staatliche Strukturen nicht ersetzen.

Ein zentrales Format war die Fishbowl-Diskussion „Polnisch für alle – Utopie oder Bildungsauftrag?“. Beteiligt waren Stimmen aus Polonia, Bildung, Politik, Wissenschaft und Kultur. Die Debatte kreiste um drei Spannungsfelder.

Erstens ging es um das Verhältnis von Herkunftssprache und Fremdsprache. Für viele Kinder ist Polnisch Teil ihrer Identitätsbildung, familiären Kommunikation und emotionalen Selbstverortung. Als Fremdsprache öffnet Polnisch zugleich den Blick auf Nachbarschaftsräume, Arbeitsmärkte, Austauschprogramme und europäische Mobilität. Beide Perspektiven sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden: Eine starke Herkunftssprache kann Brücke zur Fremdsprache sein, und ein sichtbarer Fremdsprachenstatus kann den Prestigewert der Herkunftssprache erhöhen.

Zweitens wurde die Spannung zwischen zivilgesellschaftlichem Engagement und staatlicher Verantwortung sichtbar. Polnische Organisationen, Elterninitiativen, Kulturvereine und außerschulische Träger schaffen Lernorte, motivieren Familien, organisieren Lehrkräfte und bewahren Sprache im Alltag. Qualität, Zugänglichkeit und Anerkennung bleiben jedoch auf schulische und bildungspolitische Strukturen angewiesen. Zivilgesellschaftliche Initiativen sind daher kein Ersatz für Bildungspolitik, sondern deren notwendige Partnerinnen.

Drittens wurde die Frage des Prestiges diskutiert. Polnisch wird in Deutschland häufig noch nicht mit demselben symbolischen Kapital verbunden wie Englisch, Französisch, Spanisch oder Italienisch. Dabei ist Polen Deutschlands unmittelbarer Nachbar und ein zentraler europäischer Partner. Es braucht daher eine neue Erzählung: Polnisch ist Nachbarsprache, Europakompetenz, berufliche Ressource, Kultursprache und Medium transnationaler Verständigung.

Am Nachmittag wurde im Zukunftslabor „Polski 2035“ in drei Workshops weitergearbeitet. Workshop A, geleitet von Dr. Magdalena Telus, widmete sich der Mehrsprachigkeitsdidaktik und der Frage, wie Herkunftssprecherinnen und Herkunftssprecher produktiv in den Unterricht einbezogen werden können. Moderner Polnischunterricht muss ihre heterogenen Kompetenzen als Ressource begreifen.

Workshop B, geleitet von Joanna Elies, fragte nach den Voraussetzungen tragfähiger Bildungspolitik: Strukturen, Finanzierung und Rolle der Zivilgesellschaft. Gute Sprachbildung entsteht nicht allein durch Motivation, sondern durch institutionelle Verlässlichkeit. Notwendig sind klare Zuständigkeiten, dauerhafte Förderinstrumente, Anschlussfähigkeit an schulische Systeme, Qualifizierung von Lehrkräften, curriculare Orientierung, regionale Netzwerke und eine belastbare Datengrundlage.

Workshop C, geleitet von Agnieszka Karaś, nahm unter dem Titel „Polski ist easy!“ theaterbasierte Methoden in den Blick. Eingeübt und im Plenum vorgeführt wurden Szenen, die polnische Phonetik und Orthographie anschaulich vermitteln. Solche Formate können Polnisch als lebendige, soziale und kreative Sprache erfahrbar machen.

Zentrale Ergebnisse der Konferenz

Die Konferenz führte zu mehreren übergreifenden Ergebnissen. Erstens wurde Polnisch als mehrdimensionale Sprache sichtbar: Herkunftssprache, Familiensprache, Nachbarsprache, Fremdsprache, Kultursprache und europäische Kompetenz zugleich. Eine zukunftsfähige Sprachpolitik muss Übergänge schaffen – von der Familie zur Schule, vom Verein zum Curriculum, von der Polonia in die Mehrheitsgesellschaft und vom symbolischen Bekenntnis zur institutionellen Umsetzung.

Zweitens wurde deutlich, dass die Förderung des Polnischen in Deutschland eine bildungspolitische Strukturfrage ist. Der Verweis auf engagierte Eltern, Vereine und Lehrkräfte reicht nicht aus. Benötigt werden verlässliche Angebote, stabile Finanzierung, politische Ansprechpartner, qualifizierte Lehrkräfte, regionale Kooperationen und systematische Bedarfserfassung.

Drittens sollte Polnischunterricht stärker in die Logik der Mehrsprachigkeit eingebettet werden. Unterricht muss sprachliche Repertoires anerkennen, positive Sprachidentitäten stärken und zugleich systematische sprachliche Entwicklung ermöglichen.

Viertens wurde die Frage des Prestiges als strategisch zentral erkannt. Solange Polnisch vor allem als Sprache einer Minderheit oder als familiäres Zusatzangebot wahrgenommen wird, bleibt sein gesellschaftlicher Status begrenzt. Ziel muss sein, Polnisch als Sprache des Nachbarn, der europäischen Zusammenarbeit, der Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zu positionieren. „Polski ist cool!“ baut in diesem Zusammenhang symbolisches Kapital für eine bislang unterbewertete Sprache auf.

Fünftens wurde die Polonia als bildungs- und kulturpolitischer Akteur sichtbar. Polnische Organisationen betreiben nicht nur Traditionspflege, sondern leisten kulturelle Diplomatie, Bildungsarbeit, Netzwerkbildung und demokratische Vermittlung. Ihre Rolle besteht auch darin, neue Zugänge zur Sprache zu eröffnen – für Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Nachbarn und Institutionen.

Einordnung und Handlungsperspektiven

Aus sprachwissenschaftlicher und bildungspolitischer Perspektive lässt sich die Konferenz als Aushandlung eines Paradigmenwechsels beschreiben. Das ältere Modell betrachtet Polnisch in Deutschland primär als Sprache einer Herkunftsgruppe. Dieses Modell bleibt wichtig, greift jedoch zu kurz, wenn Polnisch dauerhaft nur innerhalb der Polonia verortet wird.

Das in Bonn sichtbare erweiterte Modell versteht Polnisch als gesellschaftliche Ressource. Mehrsprachigkeit ist darin nicht Sonderfall, sondern Normalität. Herkunftssprachen sind Teil öffentlicher Bildung, Nachbarsprachen europäische Schlüsselkompetenzen. Sprachunterricht ist dabei nicht nur Kompetenzvermittlung, sondern auch Anerkennungspolitik.

Sprachen gewinnen gesellschaftliche Bedeutung nicht allein durch ihre Sprecherzahl, sondern durch institutionelle Sichtbarkeit, Prestige, Lerngelegenheiten und politische Rahmung. Polnisch in Deutschland verfügt über eine starke soziale Basis, doch seine institutionelle Durchdringung bleibt ausbaufähig. Die Konferenz markierte die Lücke zwischen gelebter Mehrsprachigkeit und bildungspolitischer Anerkennung, zwischen familiärem Sprachreichtum und schulischer Infrastruktur.

Daraus ergeben sich konkrete Handlungsperspektiven: Polnischunterricht sollte systematischer sichtbar gemacht werden – durch bundeslandspezifische Informationen, niedrigschwellige Beratung und aktive Kommunikation gegenüber Eltern, Schulen und Kommunen. Die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften muss gestärkt werden. Zugleich braucht es Kooperationen zwischen Schulen, außerschulischen Trägern, Polonia-Organisationen, Hochschulen und politischen Ebenen.

Polnisch sollte außerdem stärker als Nachbarsprache profiliert werden – besonders in grenznahen Räumen, aber nicht ausschließlich dort. Auch in westdeutschen Regionen mit starker Polonia-Präsenz kann Polnisch zu einer Sprache regionaler Vielfalt und europäischer Öffnung werden. Die Idee „Polski 2035“ sollte deshalb als strategischer Prozess weiterentwickelt werden: mit mehr Lernorten, mehr qualifizierten Lehrkräften, mehr schulischer Anerkennung, mehr didaktischem Material, mehr Sichtbarkeit und mehr politischer Verbindlichkeit.

Schlussbetrachtung: Von der Erinnerung zur Umsetzung

Die 3. KoKoPol-Poloniakonferenz und die Masterclass des Polonia-Büros zeigten, dass deutsch-polnische Beziehungen nicht allein durch Verträge, Jubiläen oder diplomatische Gesten getragen werden. Sie leben von Menschen, die miteinander sprechen, zuhören, übersetzen, vermitteln und institutionelle Räume schaffen. Sprache ist dabei nicht nur Symbol der Nachbarschaft, sondern ihre praktische Voraussetzung.

35 Jahre nach dem Nachbarschaftsvertrag steht daher die Frage im Raum, welche Infrastrukturen gute Nachbarschaft im Alltag ermöglichen. Polnischunterricht, Mehrsprachigkeitsdidaktik, kulturelle Bildung, stabile Förderung und zivilgesellschaftliche Kooperation gehören zu diesen Infrastrukturen.

Die Zukunft des Polnischen in Deutschland entscheidet sich nicht an einer einzigen Stelle. Sie hängt von Familien, Lehrkräften, Vereinen, Schulen, Ländern, Kommunen, Bundesförderung, Wissenschaft, Kultur und politischem Willen ab. Doch gerade deshalb ist sie gestaltbar. Wenn Polnisch bis 2035 mehr sein soll als eine „coole“ Herkunftssprache, braucht es jetzt den Übergang von punktuellem Engagement zu dauerhafter Struktur. Die Bonner Konferenz hat dafür einen wichtigen Schritt markiert